Die Geschichte des Standorts Canon la Gaffelière reicht bis ins Mittelalter zurück: Schon der Name des Weinguts — gaffet, im alten Gaskognisch für Lepra — erinnert daran, dass sich an diesem Ort am Fuss des südlichen Hangs von Saint-Émilion ein Lepra-Hospital befand. Die Familie Malet-Roquefort, eine bedeutende Bordeaux-Dynastie, die noch heute das benachbarte Château La Gaffelière besitzt, pflanzte hier Reben und errichtete im 17. Jahrhundert ein Weingut. Nach mehreren Generationen und Besitzern — darunter Pierre Meyrat, Rennfahrer und Bürgermeister von Saint-Émilion — wurde das Château 1971 von Graf Joseph-Hubert von Neipperg erworben.
Die Familie von Neipperg gehört zu den grossen aristokratischen Weinbaufamilien Deutschlands, mit Weinbergen in Württemberg seit dem 13. Jahrhundert — also mehr als 800 Jahren ununterbrochener Weinbautradition. Als der Graf Canon la Gaffelière erwarb, übertrug er die Leitung dem fähigen Verwalter Michel Boutet und leitete eine vollständige Renovation von Keller und Weinberg ein. Ab 1983 baute die Familie ihr Libournais-Portfolio schrittweise mit Clos de l'Oratoire, Château La Mondotte und Château d'Aiguilhe aus.
1983 kehrte Stephan von Neipperg, Sohn von Graf Joseph-Hubert, nach seinem Studium der Agronomie und Önologie in Montpellier auf das Weingut zurück. Seine doppelte Kompetenz — aristokratischer Hintergrund und technische Ausbildung — ist im Bordeaux selten. Ab 1996 arbeitete er mit dem Önologen Stéphane Derenoncourt zusammen, einer aufstrebenden Persönlichkeit des Libournais, um Weinbau und Vinifikation vollständig neu zu denken. Das Ergebnis: In weniger als zehn Jahren fand Canon la Gaffelière zu jener Grösse zurück, die es in den 1950er-Jahren besessen hatte.
2012 bestätigte die INAO diese Arbeit: Canon la Gaffelière wurde zum Premier Grand Cru Classé B befördert — eine Beförderung, die von der Kritik einhellig begrüsst wurde und die Konstanz und Einzigartigkeit des Weins unter den grossen Crus der Appellation anerkannte. 2014 wurde der gesamte Weinberg biodynamisch zertifiziert. 2022 bestätigte die neue Klassifikation von Saint-Émilion den Rang als Premier Grand Cru Classé und würdigte zwei Jahrzehnte Exzellenz unter Stephan von Neipperg.

